AmöbenPank – Grenzland Musiktheater zwischen DadaFlux und mystischer Melancholie
Bergisch Gladbach – Eine Trauerhalle ist bekanntlich ein Ort, an dem wir uns von Menschen verabschieden, die eine unumkehrbare Grenze überschritten haben. Im Rahmen der Eventreihe Kultursommer Bergisch Gladbach erlebte am 30. September 2025 die Trauerhalle des Friedhofs hingegen ganz andere Grenzgänger: Mit der Performance der Künstlergruppe AmöbenPank fand der Kultursommer einen durchaus würdigen Abschluss.
AmöbenPank ist ein musikalisch-performatives Quartett, das sich mit anarchischer Eleganz zwischen den Polen von Klangkunst, Poesie und ironischer Gesellschaftskritik bewegt. Ihre künstlerische Praxis wurzelt im eigens geprägten Begriff „DadaFlux“, einer Fusion aus dem dadaistischen Geist der Sinnzersetzung und der prozesshaften Offenheit des Fluxus. DadaFlux ist kein Genre, sondern ein Zustand: ein fließendes Prinzip, das sich jeder Festlegung entzieht und stattdessen auf spontane Interaktion, absurde Schönheit und poetische Störung setzt.
Die vier Mitglieder – Manuele Klein, Christa Liebach, Hans Gressler und Detlev Weigand – sind nicht nur Musiker*innen, sondern auch bildende Künstler*innen, Performer*innen und Konzeptentwickler*innen. Ihre Instrumente reichen von Gong, Stimme und E-Gitarre über Bass und Synthesizer bis hin zu experimentellen Klangkörpern, die sie teils selbst konstruieren. Besonders markant ist die Stimme von Christa Liebach, deren dunkler Ton und gestische Intensität das Publikum in eine Zwischenwelt aus Mythos und Gegenwart entführen. Manuele Klein bringt mit Gong und Stimme eine rituelle Tiefe in die Performances, während Hans Gressler mit Bass und Gong rhythmische Gravitation erzeugt. Detlev Weigand schließlich steuert mit ausschließlich analogen Synthesizern wie Module von Moog, Buchla und Lyra sowie akustisch wirkungsvoll eingesetzten Effektgeräten konzeptuelle Klarheit sowie strukturelle Offenheit bei. Die oftmals hypnotisch wirkenden Pattern-Strukturen behalten aber stets ihre musikalische Seele und Lebendigkeit, da alle Rhythmuselemente ausschließlich durch das Live-Zusammenspiel der gesamten Gruppe entstehen.
Ihre Auftritte versteht das Quartett als energetische Klangrituale mit minimalem CO₂-Ausstoß – eine ironische Selbstbeschreibung, die zugleich auf ihre ökologische Haltung und performative Leichtigkeit verweist. Die Texte entstehen oft im Kollektiv, sind teils improvisiert, teils literarisch verdichtet und changieren zwischen magischem Realismus und dadaistischer Dekonstruktion. Die Bühne wird zum Labor, zum Jahrmarkt der Zeit, zum Ort des Unerklärlichen.
In der freien Kulturszene des Bergischen Landes und darüber hinaus hat sich AmöbenPank einen Namen gemacht. Sie treten bei Künstlerfesten, experimentellen Festivals wie Robodonien und in interdisziplinären Ausstellungen auf. Ihre Musik wird als „halb zwischen den Stühlen von Indie, NDW, Psychedelic, Hardcore, Polka und Krautrock“ beschrieben. Der Chronist fand im Trauerhallenkonzert aber durchaus auch Anklänge an Brechtsches Musiktheater und an die Industrial-Music Epoche der Endsiebziger und beginnen 80er Jahre. Ein Eintopf, der überraschend gut schmeckt und dabei nie seine kritische Würze verliert. Bemerkenswert ist die charismatische Bühnenpräsenz der Gruppe und ihre damit einhergehende Fähigkeit, das Publikum zu irritieren und gleichzeitig zu berühren. Wer AmöbenPank erlebt, begegnet nicht nur Musik, sondern einem künstlerischen Aggregatzustand, der sich zwischen Klang, Konzept und kollektiver Intuition entfaltet.
Und wenn dann ein Song des Quartetts wie „Jahrmarkt der Zeit“ zwar für die Teilnahme am Vorentscheid zum Eurovision Song Contest (ESC) eingereicht, aber letztendlich dann doch abgelehnt wurde, sollte die Gruppe dies nach Ansicht des Chronisten ausschließlich als Kompliment betrachten 😊.